Mai Tai
23.02.2010 - 15:48

Cocktailschule

Bitte was? Tiki? Na, ich seh schon, wir müssen wohl ein Stück weiter
vorne anfangen – und zwar im frühen 20. Jahrhundert. Bereits um 1940
kam man auf die Modeerscheinung Tiki. Inspiriert durch die Ahnenfiguren
einiger Südseekulturen wurden die aufwendigen Schnitzereien im Design
dieser Figuren in fast allen Bereichen des Lebens aufgenommen. Und
neben Schmuckdesignern, Künstlern und Möbelschreinern waren schnell
auch die Gastronomen vom Südseefieber infiziert: die Tiki-Bars schossen
aus dem Boden. Die Gestaltung der Gastflächen wurde zu einer Kunstform
erhoben, in deren Mittelpunkt die Lebensfreude und das Kunsthandwerk
der Südsee standen. Besonders charmant wirken auch heute noch die
Tiki-Mugs auf den Betrachter, die so etwas sind wie die Cocktailgläser
der ersten Stunde. Sie waren den Ahnenfiguren der Inselbewohner
nachempfunden und ausgehöhlt, um möglichst große Mengen flüssiger
Leckereien aufnehmen zu können. Einer der in dieser Szene zuhause war
und die Mugs kunstvoll füllte, war Victor Bergeron, der für sich auch
gleich mal in Anspruch nahm, eine der großen Barlegenden kreiiert zu
haben – den Mai Tai. So einer arbeitet natürlich nicht unter seinem
eigenen Namen, und so wurde unter dem Pseudonym Trader Vic gemixt, was
die Hütte aushält. Da zu dieser Zeit viele die Meinung vertraten, die
Cocktailrezepte wären das eigentliche Kapital einer Bar, wurden diese
Rezepte auch lange nicht mit anderen geteilt, und nicht zuletzt aus
diesem Grund kursiert eine große Menge unterschiedlicher Rezepte zu den
Drinks dieser Zeit. Schade für unsere Barlandschaft ist das
Verschwinden dieser Perlen der Innenarchitektur in den 70er Jahren, zum
großen Glück für uns wurden vorher die Rezepte der Bars doch noch
veröffentlicht. Und zu eurem großen Glück bin ich kein Geheimniskrämer
wie der Vic, hier also mal ein leckeres Rezept für den Mai Tai, mit in
paar Zutaten, die (fast) jeder zuhause hat:
2 cl Zitronensaft
1,5 cl Roses Lime Juice
2,5 cl Apricot Brandy
6 cl Myers Rum
3 cl Ananassaft
0,5 cl Mandelsirup
Auf Eiswürfel schütteln und auf gestoßenes Eis abseihen – schnell austrinken und einen zweiten machen.

sg

Martini
03.02.2010 - 11:31

Cocktailschule

Geschüttelt oder gerührt? - Seh ich aus, als ob mich das interessieren würde? Das war natürlich erst mal eine Klatsche für jeden eingefleischten Bond-Fan. Auch wenn man sich dem neuen Bond ansonsten schnell angenähert hat, seine rauere, brutalere Interpretation glaubwürdiger findet und ihn neben Sean Connery für die einzig gelungene Besetzung hält, mit seiner despektierlichen Haltung gegenüber den unterschiedlichen Zubereitungsmöglichkeiten seines Lieblingsgetränkes kann und will man sich einfach nicht anfreunden. Ein Quantum mehr an lebensbejahender Genussfreudigkeit stünde ihm recht gut zu Gesicht. Haben wir etwa nicht seit unserer frühesten Kindheit gepredigt bekommen, dass man sehr wohl große Mengen hochprozentiger Spirituosen vermengt mit minimalen Mengen Wermut zu sich nehmen sollte, wenn man sich denn berufen fühlt, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen? Habe ich es falsch in Erinnerung, dass man aus jedem Schlamassel rauskommt, den Schurken erledigt und zumindest zwei gelangweilte Modells zu willigen Bond-Girls macht, wenn, ja wenn man nur immer beherzigt, dass dieser Martini geschüttelt und nicht gerührt werden sollte? Was kommt als nächstes? Kein Bollinger Grande Année mehr, und wird sich Commander Bond zukünftig etwa auch mit Prosecco zuschütten und dann im Ford Focus Sport die Welt retten? 2011 sind wir mit dem nächsten Bond-Film alle schlauer, und wenn es für die Traditionalisten schlecht läuft und der Getränkekulturverfall beim smarten Geheimagenten weiterhin anhält, dann bleibt uns ja immer noch Benjamin Franklin „Hawkeye“ Pierce, denn der Mann wusste stets, wie man sich auch unter den widrigsten Bedingungen am 38. Breitengrad einen Martini zubereitet - und dass sich mit einem guten Drink so ziemlich alles leichter ertragen lässt. Ach ja, der Dry Martini 6 Teile Gin (oder Vodka für einen Vodkatini) und 1 Teil trockenen Wermut (je weniger, desto trockener) Wahlweise im kalten Rührglas auf Eiswürfeln rühren und in eine vorgekühlte Martinischale abseihen oder im Boston-Shaker auf Eiswürfeln kurz shaken und in die gekühlte Martinischale abseihen. Olive rein – fertig. Also, gleichgültig ob geschüttelt oder gerührt, Hauptsache man hat eine Meinung dazu.

sg