
Bereits der erste Satz des Buches weist auf ein bestehendes Problem hin und deutet das Versprechen an, die Lösung in den Händen zu halten: „Obwohl es Dutzende Bücher gibt, die Sie lehren, einen Drink zu mixen, gibt es erstaunlich wenige, die erklären können, wie es (dann) weitergeht,…“. Damit hat der Mann leider auch völlig Recht. Bereits mit ein wenig Erfahrung im Besetzen eines Barhockers und einem natürlichen Interesse an der Tätigkeit auf der anderen Seite des Tresens, lassen sich die zwei wichtigen Fraktionen eines vernünftigen Vollrausches definieren. Gibt es für die Gruppe der Produzenten noch eine schier unüberblickbare Vielfalt an Fachliteratur, um sie bei der Herstellung der Mixgetränke und dem Wissen um die Zutaten zu unterstützen, so ist der Konsument (fast) auf sich alleine gestellt. Selbstverständlich empfiehlt es sich auch für ihn, die Standardwerke der Barliteratur gelesen zu haben, allein um das Getränkeauswahlverfahren zu optimieren und das Gespür für den richtigen Stoff zu verfeinern, aber im Bereich der Getränkekonsumtheorie war er doch meist eher auf mündlich überliefertes Wissen angewiesen. Selbstverständlich, so mag manch einer sagen, gelten doch auch während des Zechens die üblichen Regeln des menschlichen Miteinanders und er hat auch völlig Recht zu glauben, dass die Regeln Über den Umgang mit Menschen, wie sie ursprünglich von Adolph Freiherr Knigge formuliert wurden, immer Gültigkeit besitzen, auch morgens um 5 auf dem Tresen der Lieblingsbar. Es geht in diesem Buch ja auch nicht darum, Regeln außer Kraft zu setzen. In Opposition zu den Auswüchsen des vergangenen Jahrtausends am Ballermann erklärt dieses Buch anschaulich, wie man mit Stil durch die Nacht (wahlweise kann diese bereits im Hellen beginnen) kommt, unterwegs eine gehörige Zahl an Promillen einsammelt und am Schluss erhobenen Hauptes durch irgendeine Wohnungstür fällt. Zu diesem Zweck ist das Buch in sechs Abschnitte gegliedert. Beschäftigt sich der erste Abschnitt noch mit den Grundregeln des Trinkens, sind bereits die beiden folgenden Abschnitte den Hauptakteuren des eigenen Rausches gewidmet: Personal und Lokation. Bar, Barkeeper und die Party bestimmen das Biotop des Säufers. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Überleben außerhalb diese Biotops. Alleine trinken, oft tabuisiert, diesem Thema nimmt sich Kelly an. Die beiden letzten, kürzeren Kapitel fünf und sechs beleuchten ein unangenehmes, nämlich den Umgang mit Vorwürfen, ablehnende Haltung gegenüber dem Alkoholkonsum und ein dem versierten Trinker geläufiges Thema, die Geschichte des Alkohols… und der Rolle, die die Menschen darin spielen. Fazit: Ein Muss für jeden, der ein besserer Trinker werden will. Frank Kelly Rich hat es geschafft, dieses unterhaltsame, von Anfang bis Ende humorgeladene Buch zu schreiben und dabei nie auf den von ihm selbst eingeforderten Stil zu verzichten.
Frank Kelly Rich, Die feine Art des Saufens, Tropen, 19,90 €

sg